Am ausführlichsten diskutiert wurde ATM. Insgesamt 14 von 22 Vorträge wurden diesem Thema gewidmet. Nach
einem Überblick über Hersteller und Produkte im ATM-Umfeld und der Vorstellung verschiedener ATM-Pilotprojekte waren insbesondere die Migrationwege zu ATM und der Stand der ATM-Normierung von zentralem Interesse.
Während im letzten Jahr die Migration von LANs zu ATM im Vordergrund stand, fokusierten die Vorträge dieses Kongresses eher die Migrationswege von Corporate Networks, Frame Relay und SMDS (Switched Multimegabit Data
Service) zu ATM. Außerdem wurde die Integration von Sprache, Video und analogen Techniken in ATM von verschiedenen Seiten beleuchtet.
Große Zustimmung fanden die Vorträge zum Stand der ATM-Normierung, zur
LAN-Emulation und zu den geplanten Aktivitäten des ATM-Forums, was in zahlreichen Fragen und Anmerkungen aus dem Zuhörerkreis zum Ausdruck kam.
Das Ergebnis der Referate und Diskussionen zu ATM läßt sich wie folgt zusammenfassen:
Das Interesse an ATM ist nach wie vor sehr groß. Inzwischen gibt es viele Hersteller und Produkte; es mangelt nicht an
Integrationsmöglichkeiten bestehender Techniken; erste ATM-Projekte wurden realisiert und daraus wichtige Erfahrungen gewonnen.
Doch die potentiellen ATM-Anwender sind kritischer geworden. Viele erkennen zwar den
Bedarf nach einer alles integrierenden Technik; sie wissen aber auch, daß die eierlegende ATM-Wollmilchsau erst noch aufgepäppelt werden muß und daß die Gefahr besteht, daß diese aufgrund der ihr aufgebürdeten Lasten zu
träge wird.
Obwohl für ATM optimierte Applikationen heute noch Mangelware sind und man bisher noch keine Killerapplikation gefunden hat, die ATM schnell zum Massengeschäft werden läßt, wurde demonstriert, daß sich ATM
durchaus für bestimmte Anwendungsfelder lohnt. Jedoch ist bisher kaum einer der ATM-Pioniere komplett auf ATM umgeschwenkt. Vielmehr tastet man sich langsam zu der neuen Technik vor und gewinnt erste Erfahrungen durch
die Integration von ATM in weniger kritische Netzbereiche.
Ich hatte den Eindruck, daß viele Zuhörer trotz (oder gerade wegen) dieses informativen Kongresses Ihre ATM-Entscheidung erneut vertagen werden. Denn der
Kongreß hat gezeigt, daß noch immer essentielle ATM-Spezifikationen fehlen bzw. unvollständig oder noch nicht implementiert sind. Das Funktionieren komplexer ATM-Netze und das Zusammenspiel von ATM-Komponenten
verschiedener Hersteller kann deshalb noch nicht gewährleistet werden.
Sehr interessant war der Vortrag eines ATM-Anwenders. Dieser machte deutlich, daß man heute trotz der oben genannten Mängel durchaus
zufriedenstellende Ergebnisse mit ATM erzielen kann. Dies klappt jedoch nur dann, wenn man sich sehr intensiv mit der Materie beschäftigt, sich im Vorfeld genau überlegt, was man mit ATM erreichen will, umfangreiche
Tests und Messungen durchführt, Testergebnisse und Netzverhalten richtig interpretieren kann und bereit ist, viel Energie in die Optimierung und das Tuning des ATM-Netzes zu investieren.
Selbstverständlich wurden auch
die Alternativen zu ATM diskutiert. Die Themen Switching, 100 Mb/s-Ethernet / Demand Priority, FDDI und Fibre Channel wurden mit je einem Vortrag bedacht und führten zu folgenden Aussagen:
1. Switching
Der
Einsatz von Switching-Architekturen ist ein schneller und preiswerter Weg zur Bandbreitenerhöhung im Netz. Interessantes Feature ist das Konzept der virtuellen Netze, das die Zusammenfassung beliebiger Netzteilnehmer zu
Arbeitsgruppen ohne physikalisches Umkonfigurieren des Netzes erlaubt. Leider existieren bisher nur proprietäre Lösungen und der herstellerübergreifende Ansatz des in IEEE 802.10 definierten Frame Taggings ist noch
nicht oder nicht vollständig implementiert.
2. Fast Ethernet / Demand Priority
Obwohl man sicher viele Einsatzfälle finden kann, die den Einsatz der 100 Mb/s-Weiterentwicklungen von Ethernet rechtfertigen,
wurden diesen Techniken nur wenige Zukunftschancen eingeräumt. Bemängelt wurde, daß es sich hier um nicht skalierbare Techniken handelt, die insbesondere für den Anschlußbereich, also für kurze Distanzen, konzipiert
sind. Auf die Frage, welcher der beiden Techniken der Vorzug zu geben ist, wurde Fast Ethernet genannt, das aufgrund der Beibehaltung des CSMA/CD-Verfahrens einfacher in bestehende Ethernet-Netze integrierbar ist.
3. Fibre Channel
Diese Technik war scheinbar nur wenigen Zuhörern genauer bekannt. Es wurde gezeigt, daß sich Fibre Channel zu einer recht interessanten Technik gemausert hat. Immerhin sind inzwischen
Übertragungsraten von 100 bis 800 Mb/s standardisiert, Ausdehungen bis zu 10 Kilometer möglich und erste Produkte am Markt vorhanden. Allerdings werden heute mit Fibre Channel nur reine Rechner-zu-Rechner-Kopplungen für
den schnellen Datentransfer realisiert. Die Integration von Sprache und Video sowie die Unterstützung größerer Entfernungen ist noch kein Thema für Fibre Channel.
Die im Titel der Sitzung gestellte Frage, welcher
Technik wohl die Zukunft gehören wird, konnten die diversen Vorträge selbstverständlich nicht allgemeingültig beantworten. Sicher hat aber jeder der Zuhörer genug Informationen erhalten, um seiner individuellen
High-Speed-Lösung einen Schritt näher zu kommen.
Auch der Blick in eine mögliche Zukunft nach ATM wurde den Zuhörern nicht vorenthalten. Der abschließende Vortrag dieser zweitägigen Vortragsreihe zu schnellen Netzen
hat für das Jahr 2005 photonische Netzwerke mit Übertragungsraten im Terabitbereich avisiert.