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Die ATM-Gerüchte-Top-Ten

ATM ist seit Monaten eines der meistdiskutierten Themen im Netzwerkbereich. Wie immer, wenn man ein Thema intensiv diskutiert, kommen Vorurteile und Gerüchte auf. Im folgenden werden die 10-Top-Gerüchte unter die Lupe genommen.

Von Klaus Eppele

1. ATM ist noch viel zu teuer

Wer heute ein reines ATM-Netz aufbauen will, muß wirklich noch tief in die Tasche greifen. Aber wer tut das schon. Jeder von uns möchte doch seine bestehenden Investitonen schützen und trotzdem die Vorteile von ATM nutzen. Die Lösung, die ATM schon heute preiswert macht, heißt „sanfte Migration“. ATM wird im Backbone installiert und die bestehenden Ethernet- und Token-Ring-Endgeräte werden mit zeittransparenten Switches über dieses ATM-Backbone verbunden. Wer dabei noch die Verkabelungsvorschriften des International Standards IS 11801 befolgt und jedem Endgerät eine dedizierte Leitung zur Verfügung stellt, hat Zeittransparenz bis zum Endgerät und kann auch multimedial kommunizieren. Die heute noch relativ teueren ATM-Endgeräte-Adapter spendiert man nur einigen Servern, die bereits die hohen Bandbreiten von ATM brauchen. Auf diese Weise kommt man zu einem zukunftssicheren ATM-Netz zum Preis konventioneller Techniken. Weiterhin gilt: Da die wichtigsten Chip- und Systemhersteller auf ATM setzen, werden sich die Preise für ATM-Produkte sehr schnell nach unten bewegen.

2. Die Standardisierung dauert noch ewig

Ja hoffentlich ist das so. Denn wer will schon auf eine Technik setzen, bei der sich nichts mehr tut. Schließlich stehen wir bei ATM am Anfang einer neuen Technik und schließlich wollen wir es mit ATM nicht bei 155 Mb/s-Strecken beruhen lassen. Vielmehr möchten wir, daß ATM weiterentwickelt wird, so daß wir unsere Daten schon bald mit 622 Mb/s- oder gar 2,5 Gb/s zu einem vernünftigen Preis übertragen können. Wichtig für den Endkunden ist, daß die weiteren Normierungen keinen Einfluß auf die als Basis eingesetzte Hardware haben wird, so daß man heute getrost ATM-Systeme kaufen kann. Bei der Standardisierung der Software ist zwar noch einiges zu tun, jedoch hat die UNI-Spezifikation des ATM-Forums Version 3.0 die benötigten Implementierungsrichtlinien für die Funktionen Signalisierung, Verkehrs- und Staukontrolle geliefert. Weitere Richtlinien werden noch definiert bzw. finden sich in der gerade verabschiedeten UNI 3.1, so daß die heute benutzte Software nochmals ausgetauscht werden muß, wenn man operabel zu Geräten beliebiger Hersteller sein will. Dies sollte uns jedoch nicht davon abhalten, die Vorteile von ATM schon heute zu nutzen. Denn ein Software-Update ist schnell durchgeführt.

3. ATM wird schnell von einer neuen Technik abgelöst

Man kann sich kaum vorstellen, warum eine andere Technologie je eine Daseinsberechtigung bekommen soll. Schließlich bietet uns ATM, begonnen von der Integration von LAN und WAN über die Zusammenführung aller Medien bis hin zur Unterstützung beliebiger Übertragungskapazitäten durch skalierbare Backbones alles, was wir brauchen. Trotzdem ist sicher, daß in einigen Jahren wieder eine neue Technik mit neuen Highlights propagiert wird.

Diese, heute wohl noch unbekannte, neue Technik wird aber keine Chance gegenüber ATM haben. Denn ATM wird schon bald weltweit als Basis von performanten Weitverkehrsnetzen eingesetzt werden (z.B. B-ISDN). Immense Summen werden derzeit in diese Technik investiert. Wenn wir Netzwerker erst einmal unsere lokalen Netze mit ATM betreiben und die Möglichkeit haben, unsere Multimediadaten über ATM-WANs auszutauschen, werden wir kaum Interesse an einer anderen Technologie haben - schon deshalb nicht, weil wir nicht nochmals Jahrzehnte warten wollen, bis die öffentlichen Netzbetreiber mit einer neuen Technik nachziehen.

4. ATM-Router sind ATM-Switches funktionell gleichwertig

Switches bieten in vielen Fällen enorme Vorteile gegenüber Routern. Sie bieten Durchsatzraten im Gigabitbereich und erlauben eine simultane Kommunikation aller angeschlossenen Endgeräte mit voller Bandbreite. Ein wesentlicher Aspekt von Switches ist, daß sie Daten zeittransparent transportieren - eine wesentliche Voraussetzung, um Sprache und Bewegtbild störungsfrei zu übertragen. Router arbeiten als östore-and-forwardö-Systeme und bieten diesen Vorteil nicht. Die Verzögerungszeiten sind abhängig von der Länge der Datenpakete und deshalb nicht konstant, nicht berechenbar und für multimediale Anwendungen viel zu groß. Trotzdem werden die wenigsten Netzwerker ihre Router von heute auf morgen aus dem Netz entfernen. Router und Switches werden eine gewisse Übergangszeit koexistieren, wobei den Switches schnell zentrale Bedeutung zukommen wird und die Router wieder dafür eingesetzt werden, wofür sie ursprünglich konzipiert waren - zur WAN-Anbindung.

5. ATM braucht man nur für Multimedia-Anwendungen

Manche werden sich noch wundern, wie bald wir alle rechnerbasierte Multimedia-Anwendungen wie Multimedia Mail, Videokonferenzen, Visualisierung technischer Vorgänge etc. nutzen werden. Die Zeichen für eine rasche Integration multimedialer Anwendungen stehen gut: Leistungsfähige Hardware, moderne Kompressionsverfahren und sinkende Preise legen die Grundsteine für Multimedia; steigende Multimedia-Akzeptanz aufgrund immer häufigerer Konfrontation mit animierten Videos, 3D-Präsentationen und Cyber-Space-Spielen tut das Weitere.

Unabhängig davon, was man von Multimedia hält, sollte man seine Netzwerke rechtzeitig für multimediale Anwendungen und damit für ATM vorbereiten. Denn ATM ist aufgrund seiner isochronen Eigenschaften für Multimedia prädestiniert. Und auch diejenigen, die noch nicht an Multimedia glauben, können sich schon heute die Vorteile von ATM zunutze machen, indem sie bereits vorhandenen Medien mit mittels ATM kombinieren und sich nicht weiter den Luxus leisten, zwei getrennte Netze - eines für Daten und eines für Sprache (Telefon) - zu pflegen.

6. ATM ist nicht schneller als FDDI

Abhängig von den Randbedingungen kann diese Aussage sogar zutreffen. Je nach Größe der zu übertragenden Datenpakete, dem gewähltem ATM-Adaption-Layer und der Übertragungsart kann es vorkommen, daß von 155 Mb/s-Bandbreite effektiv nur noch etwa 100 Mb/s für die Nutzdaten übrig bleiben. Aber wo liegt hier das Problem ? FDDI fängt bei diesen 100 Mb/s gerade einmal an und je nach Paketgröße und Ringlänge kann der effektive Durchsatz bei FDDI auf Größenordnungen bis etwa 60 Mb/s schrumpfen. Außerdem kann man mit ATM leicht mehrere 155 Mb/s-Strecken parallel schalten, die dynamisch beliebigen Verbindungen zur Verfügung stehen. Oder man greift zur nächsten Hierarchiestufe der Synchronen Digitalen Hierarchie (SDH) und setzt gleich auf die 622 Mb/s-Technik.

7. Solche Bandbreiten brauche ich nie

Sag niemals nie. Vielleicht gehören Sie zu den Glücklichen, die heute noch leicht mit 10 Mb/s im Backbone auskommen. Dann können Sie sich, was ATM betrifft, noch ein wenig zurücklehnen. Aber schieben Sie das Thema ATM nicht zu weit auf die lange Bank. Die aktuelle Situation kann sich schnell ändern, denn: die Anzahl der Netzknoten nimmt rasant zu, die einzelnen Workstations werden aufgrund schnellerer Prozessoren immer leistungsfähiger, moderne Anwendungen verlangen nach Austausch immer größerer Datenmengen und Workgroup-Computing sowie Client-Server-Konzepte tun ihr Übriges.

8. ATM ist viel zu jung

Die ersten Veröffentlichungen zu ATM und den zugehörigen Techniken erschienen bereits 1983. Von daher ist ATM schon recht etabliert. Jedoch wird ATM erst seit der Gründung des ATM-Forums im November 1991 für den Einsatz in privaten Netzen forciert, so daß heute noch Standardisierungsaufgaben zu erledigen sind und eine allgmeine Marktakzeptanz noch nicht gegeben ist. Da aber inzwischen alle namhaften Firmen der Netzwerkbranche auf der Mitgliederliste des ATM-Forums zu finden sind, wird für ATM-Komponenten das Angebot rasch ansteigen und der Preis rasch sinken, so daß mit einer allgemeinen Marktakzeptanz bereits in 1995 zu rechnen ist.

9. Das ATM-Forum arbeitet eigennützig

Die über 600 Mitglieder des ATM-Forums haben sich die Aufgabe gegeben, die technischen Interessen der LAN-Industrie zu formulieren, um mit entsprechenden Vorschlägen die Aktivitäten der zuständigen Normierungsgremien zu beschleunigen. In so fern arbeitet jeder Forumsteilnehmer eigennützig. Jedoch überträgt sich der Nutzen sofort auf den Anwender. Was kann für den Endbenutzer wichtiger sein, als die Tatsache, daß die meisten Hersteller von Chipsätzen, LAN- und WAN-Komponenten auf ATM setzen und die Einführung dieser Technik vorantreiben. Wenn die wichtigsten Firmen der Branche in eine Technik investieren, kann das für den ATM-Interessierten nur gut sein, weil sich dann diese Technik rasch etabliert, die Anzahl der Anbieter ansteigt, die Preise sinken und Standardisierung beschleunigt wird.

Außerdem werden vom ATM-Forum regelmäßig User-Treffen abgehalten, um den ATM-Benutzern ein Mitspracherecht an den ATM-Aktivitäten einzuräumen.

10. ATM ist eine reine WAN-Technologie

Als man sich erstmals Gedanken über ATM machte, hat kaum einer geahnt, daß unsere LANs und unsere Ansprüche derart schnell wachsen werden, daß wir die Vorteile von ATM auch im LAN brauchen werden. Deshalb hatte man ATM ursprünglich als reine WAN-Technologie betrachtet. Das ist auch der Grund, warum die Einführung von ATM so lange gedauert hat. Anfangs haben sich nur die Anbieter öffentlicher Netze mit dieser Technik beschäftigt, so daß die Sache mit der gewohnten Gemütlichkeit angegangen wurde. Seit der Gründung des ATM-Forums im Jahre 1991 hat sich das Bild geändert. Man möchte sich der ATM-Vorteile auch im LAN bedienen können. Dabei wird ATM derart vorangetrieben, daß ATM sich sicher zuerst im LAN etablieren wird und erst in einem zweiten Schritt, wenn die WAN-Infrastruktur verfügbar ist und die Tarifpolitik der Telekom es erlaubt, ATM als WAN-Technik Verbreitung findet.

Literatur

  • Klaus Eppele, Sanfter Übergang, Gateway 6/94
  • Klaus Eppele, Neue Dimension, Gateway 10/94

 

Autor

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Dipl. Inform. Klaus Eppele
Heinrich-Weitz-Str. 31
76228 Karlsruhe
Tel: 07 21 / 94 74 621
Fax: 07 21 / 94 74 622
eMail:
eppele@improve-mtc.de
URL:
http://www.improve-mtc.de

Erschienen in Datacom 10/94, Seiten 90 - 92